Widgets unter iOS 14

Es kursierten immer wieder Gerüchte, dass Apple die Ordnung auf dem Startbildschirm des iPhones aufbricht und größere App-Icons mit essentiellen Informationen erlaubt – die neuen Elemente werden Widgets genannt. Apple hat auf der Keynote erklärt, man habe viel von den Komplikationen auf der Apple Watch gelernt. Auf der Apple Watch sind das kleine Anzeigen von diversen Apps, sie lassen sich beliebig auf den Zifferblättern platzieren, das Konzept an sich stammt von den analogen Chronografen , wobei die Komplikationen auf der Apple Watch im Vergleich zu ihren analogen Vorgängern deutlich flexibler, änderbarer und bunter geworden sind: Sie können nicht nur Zeit-bezogenen Informationen liefert, sondern alles Mögliche, was sich im watchOS und iOS an Infos findet.

Die Android-Fraktion wie auch der Macworld-Kollege Michael Simon sahen sich sofort an das Konkurrenz-Betriebssystem erinnert. Die App-Widgets sind der Bestandteil von Android seit den ersten Versionen. Anscheinend bereits mit der Version 1.5 hat Android Widgets unterstützt, diese wurde im April 2009 veröffentlicht. Seitdem war das ein Unterscheidungsmerkmal der Google-Plattform und nicht selten ein Grund von Hänseleien der iPhone-Anhänger. Doch zu sagen, dass Google das Konzept von Widgets erfunden und implementiert hat und Apple nur noch davon kopiert hat, wäre nur die halbe Wahrheit.

Zum einen stimmt wohl tatsächlich, dass Apple seine Widget-Vision für iOS aus Erfahrungen der Apple Watch aufgebaut hat. Wie alle Apple-Geräte loggt die Apple Watch die Abstürze aber auch die Nutzung von diversen Elementen. Deswegen ist nicht von der Hand zu weisen, dass Apple noch vor der Vorstellung von iOS 14 und Widgets fürs iPhone ganz genau wusste, welche Informationen wie und wo die meisten Nutzer sehen wollen. Damit auch die Fraktion von besonders anspruchsvollen Anwendern bedient ist, lässt Apple verschiedene Größen der Widgets zu.

Das Widget als Konzept von komprimierten, ständig aktuellen Informationen in einem Fenster-Ausschnitt im IT-Bereich wurde sogar von Apple mit definiert, allerdings noch 2004 und auf dem Mac. Auf der WWDC 2004 hat Steve Jobs das neue Betriebssystem Mac-OS X Tiger vorgestellt , das System bot damals ein Dashboard eine Zusammenfassung von Widgets aus diversen Quellen, die sich mit einem Knopfdruck ein- und ausblenden ließen ( im Video ab 1:22:30 ). Diese waren einige Zeit sehr erfolgreich, hat doch Apple den externen Entwicklern erlaubt, ihre eigenen Widgets für die Plattform zu programmieren. Mittlerweile sind Widgets unter macOS Geschichte, seit macOS Catalina ist auch Dashboard verschwunden.

Während die neuen Widgets für iOS die Erkenntnisse aus Komplikationen, Widgets für Mac und Widgets für Android schöpfen, sind sie wohl auch die offensichtliche Anlehnung an ein mobiles Betriebssystem, das schon längst Geschichte ist – Windows Mobile 8 mit seiner Metro-Oberfläche. Die Metro-Oberfläche wurde 2009-2010 von Microsoft vorgestellt und war der erste offene Angriff auf die Skeumorphismus-Elemente, die iOS und Android damals prägten. Statt verspielten abgerundeten und mit Schatten betonten Icons wollten die Designer von Metro gar keine Icons für Apps haben: Am besten wurde im entsprechenden App-Ausschnitt gleich die wichtigste Information dargestellt, dazu waren diese Icons, unter Windows Tiles genannt, nicht in Reihen und Spalten angeordnet, sondern bildeten ein buntes rechteckiges Mosaik auf dem Startbildschirm.

Ein Start-Screen auf dem Windows Phone

Die Metro-Oberfläche schaffte mit der Tiles-Ansicht den Spagat zwischen mobilen und Desktop-Betriebssystem und brachte so zu sagen das beste aus beiden Welten auf ein Smartphone-Bildschirm: Tiles waren keine statischen App-Icons, die nur die Infos zur Marke bzw. zum Titel transportierten und nur als Schlüssel zur App dienten. Sie waren auch keine klassischen Desktop-Widgets, wie sie Steve Jobs auf der Keynote gezeigt hat – Übersichtschnippel, gepackt mit Informationen. Diese wären auf dem kleineren Bildschirm nur mit Abstrichen darzustellen, deswegen hat Microsoft die dynamischen Anzeigen auf ein Minimum heruntergestampft: Bei der Kalender-App das Datum, der Wochentag und der nächste kommende Termin, bei der Mail die Anzahl der ungelesenen Mails, bei "People", also Kontakte, – die zuletzt kontaktierten Personen. Wenn man sich Apples Design-Ideen zu den kommenden Widgets anschaut (im Aufmacherbild), sind die meisten zumindest in der Grundidee ähnlich wie die Windows Tiles: Je nach Fläche, die der Nutzer einem Widget auf dem Bildschirm gewährt, kommen unterschiedliche Informationen zum Vorschein. Beim Wetter-Widget in der Größe von vier App-Icons sind nur die Temperatur, der Ort und allgemeine Wetterbedingungen wie "Sonnig" zu sehen. Räumt der Nutzer dem Wetter-Widget den Platz von ach App-Icons, ist dort gleich die Wetter-Vorhersage für die kommenden Stunden zu sehen.

Es bleibt noch abzuwarten, was die externen Entwickler aus den Schnittstellen für Dritt-Widgets erschaffen, denn davon wird maßgeblich der Erfolg des neuen Design-Elements von Apple und die Akzeptanz der Nutzer abhängen. Mit den eigenen Apps und den dazu entwickelten Widgets hat der Hersteller eine Richtung gezeigt, und es ist gut, dass Apple diese neue Design-Lösung aus Erfahrungen mehrerer Plattformen aufbaut, Hauptsache – dies erleichtert den Nutzern das Leben und spart ihnen Klicks oder Taps und somit die Zeit.