Macintosh LC, auch "Elise" genannt: Die erste Pizaaschachtel

An den Tagen nach einer Keynote müssen wir immer wieder dem Herrn Brecht aus Augsburg Recht geben: "Wir stehen selbst enttäuscht und seh'n betroffen / Den Vorhang zu und alle Fragen offen." Nun hat es Brecht natürlich selbst in seinen Dramen darauf angelegt, nicht alle aufgeworfenen Fragen auch noch zu beantworten, die Leute sollten ja wieder ins Theater kommen. So hat Apple am Dienstag auch nicht von ungefähr Fragen offen gelassen, einige wenige zu Homepod Mini und iPhone 12 , aber noch viel mehr zum Mac. Wann kommt Big Sur in der finalen Version ? Wann der für dieses Jahr versprochene erste Mac mit Apple Silicon ? Und überhaupt "one more thing"?

Die Frage nach letzterem ist ebenso vermessen wie das Einfordern einer Antwort auf alle Fragen des Lebens, des Universums und des ganzen Rests im Theater. Aber die ersten beiden sind mehr als berechtigt, und wäre am Dienstag da nicht Tim Cook auf der virtuellen Bühne gestanden, sondern der Geist von Michael Ende als Erzähler einer unendlichen Geschichte darüber geschwebt, hätte er ein paar Andeutungen zum Mac geraunt und dann gesagt: "Aber das ist eine andere Geschichte und die wird ein andermal erzählt werden". Wir rechnen mit der nächsten Erzählung Apples in der zweiten Novemberhälfte, vielleicht ja am Buß- und Bettag oder in der Woche vor dem ersten Advent.

Von der nahenden Ankunft des ersten Macs mit Apple Silicon werden Cook und Kollegen berichten – und es wird eine Freude sein im ganzen Land und ein großer Jubel anheben. Waren wir doch gestern recht erstaunt, dass die Preise für vergleichbare iPhones übers Jahr trotz der Neuerungen wie 5G nicht gestiegen waren – also, bis wir dann die Euro-Preise sahen, waren wir noch mild erstaunt – kann Apple auf der kommenden Mac-Keynote mit dem Preis nicht nur überraschen, sondern sogar verblüffen.

Den Grund für die fehlende Preissteigerung des iPhone 5G hatte unser Macworld-Kollege Michael Simon schon vor einem halben Jahr genannt: Während die Androiden erstmals teure Modems – vorwiegend von Qualcomm beziehen und sie in ihre Struktur einpassen mussten, hat Apple diese Entwicklungsarbeit schon früher verrichtet und den Preis von externen Funkchips schon lange in das iPhone eingepasst. Jetzt ist da eben ein anderer Chip drin, den Apple ja lange Zeit für überteuert hielt und deshalb gegen den Lieferanten klagte . Damals sah man in Intel noch einen alternativen Zulieferer, doch der ließ das mit den Funkmodems sein und verkaufte seine Sparte schließlich – an Apple.

Bis Apple dem nicht mehr so sehr geschätzten Nachbarn aus Südkalifornien Qualcomm doch noch den Laufpass geben kann und statt auf dessen Produkte auf eigene Entwicklungen setzen kann, vergehen noch einige Jahre. Aber dann kann es durchaus passieren, dass iPhones entweder günstiger werden oder trotz einer völlig neuen Entwicklung an einer anderen Komponente eben nicht teurer.

Neuer Mac – nicht zwangsweise teuer

Ähnliches steht nun in Sachen Mac bevor. Hier ist es Intel, dem man den Laufpass gibt. Apple erhält mit den eigenen SoCs nicht nur mehr Kontrolle über die Hardware und kann sie für seine Zwecke optimieren, die Komponenten sollten auch weit günstiger werden. So können wir durchaus mit einem iMac 24 Zoll rechnen, der trotz Neuerungen wie vielleicht Face-ID nicht mehr kostet als der jetzige 21,5-Zöller, sondern unter Umständen sogar weniger. Oder mit einem ranken, schlanken und schnellen Macbook, das anders als sein Namensvetter der Jahre 2015/16/17 eben nicht mehr kostet als das Macbook Air. Ein neuer mobiler Einsteiger-Mac für unter 800 Dollar? Warum nicht?

Apple kann nicht "billig", Apple ist immer wertig, Apple kann aber durchaus auch Low Cost:  Der erste explizite Low-Cost-Mac kam am 15. Oktober 1990 heraus, also vor exakt 30 Jahren. So hieß der Rechner auch: LC, was für "Low Cost" stand. Das ist aber alles relativ und mit heutigen Niveaus nicht zu vergleichen, denn ohne Display kostete der im Pizzaschachtel-Design gestaltete Mac auch schon stolze 2.400 US-Dollar. Mit einem Farbmonitor für weitere 600 US-Dollar zusammen waren das aber immer noch 3500 US-Dollar weniger, als der Macintosh II kostete – so gesehen erscheint einem der Mac Pro von heute beinahe wie ein Schnäppchen, denn 30 Jahre Inflation machen aus den 6.500 US-Dollar von damals fast den doppelten Wert.

Historische Modelle

Der LC des Jahres 1990 verzichtete auf NuBus-Slots und kam ersatzweise mit einem Processor Direct Slot (PDS), der Motorola 68020 rechnete mit einer Taktrate von 16 MHz, der RAM war auf 10 MB beschränkt, während der Video-RAM erst einmal nur 256 kB umfasste. Zur damaligen Zeit gewiss keine Höllenmaschine, aber eine mit durchaus soliden Leistungswerten.

Die Pizzaschachtel sollte bei Apple noch lange der Formfaktor für eine Klasse von günstigeren Desktop-Macs sein, selbst in der PowerPC-Ära noch. Zeitgleich mit dem LC kam noch der nicht ganz so günstige (2.999 US-Dollar) Macintosh IIsi und der Macintosh Classic auf den Markt, der mit seinem Preis von 999 US-Dollar der echte Low-Cost-Mac seiner Zeit war, als Neuauflage des Ur-Macintosh aber in Sachen Hardware deutlich hinter seinen großen Brüdern hinterherhinkte.

Eine Pizzaschachtel werden wir vor dem Advent von Apple nicht bekommen, nicht einmal eine runde , aber auf neue Macs können wir durchaus noch spekulieren.