Marques Brownlee im Gesrpäch mit Craig Federighi

"Normalerweise präsentiert Apple bei einer WWDC-Keynote die größten Software-Neuerungen – und das ganze Internet spricht anschließend darüber, bloggt, tweetet, macht Videos. Und Apple? Apple reagiert eigentlich überhaupt nicht darauf", so eröffnet der 26-jährige Youtuber namens Marques Brownlee sein Video, in dem er Apples Entwickler-Chef für Software, Craig Federighi, mit den Fragen seiner Community löchern will. Und er hat recht: Sobald Apple erst einmal seine ganze Informationsflut über die Zuschauer hat schwappen lassen, ist es – zumindest was Apples Reaktion auf das Internet angeht – recht still um den Riesen aus Cupertino. Seit 2015 lassen zwar namhafte Apple-Mitarbeiter aus der Chef-Etage beispielsweise bei " The Talk Show Live " mit John Gruber die Keynote Revue passieren, im Großen und Ganzen hält sich Apple zu den Reaktionen aus dem Internet allerdings recht bedeckt.

Wie kommt es also, dass sich ausgerechnet nach dieser Keynote einer der ranghöchsten Apple-Mitarbeiter mit einem gerade mal 26-Jährigen über die WWDC 2020 und die dort vorgestellte Software unterhält? Ganz einfach, was Federighi für Brownlee ist, ist Brownlee wiederum für die meisten Youtube-Zuschauer: Ein echter Star, den man nur von seinem Bildschirm zu Hause kennt. Marquess Brownlee, auch unter seinem Pseudonym MKBHD bekannt, betreibt einen der erfolgreichsten Technik-Kanäle auf Youtube. Er hat 11,4 Millionen Abonnenten und seine Videos erzielen im Durchschnitt bis zu fünf Millionen Aufrufe: Eine Reichweite, von der so manch etablierte Tageszeitung nur Träumen kann. Und diese Reichweite nutzt auch Apple ganz gerne – mit Erfolg. Das Video, in dem sich Brownlee mit Federighi unterhält, haben sich bereits nach zwei Tagen rund vier Millionen Zuschauer angesehen.

Federighi verrät im Interview: Neues Standard-App-Feature anders als bisher gedacht

Als ersten Punkt sprach Brownlee "Default Apps" (Standard-Apps) an und die neue Möglichkeit unter iOS 14 andere Mail- und Browser-Apps als die von Apple als Standard-Apps einzurichten. Schon Anfang des Jahres berichteten wir darüber , dass Apple überlegt, andere Standard-Apps zuzulassen. Seit der Vorstellung von iOS 14 wissen wir: Apple wird dies tatsächlich umsetzen, allerdings mit Einschränkungen. Die Reaktion auf die Ankündigung fiel zunächst recht positiv aus, aber dann stellte sich Brownlee die Frage: Warum eigentlich nicht auch andere Apps, wie beispielsweise Karten-Apps? Könnte es ansonsten vielleicht recht schnell chaotisch werden?

"Eine wirklich gute Frage! Wir haben uns eine wirklich lange Liste an Features angeschaut, die die Nutzer gerne selbst konfigurieren möchten", so Federighi. "Mail- und Browser-Apps standen auf dieser Liste ganz oben. Ich nehme aber gerne deinen Wunsch bezüglich der Karten-Apps mit auf", scherzt Federighi.

Apples Chef-Entwickler gab Brownlee jedoch recht: Apple weiß darum Bescheid, dass man bei zu viele Plattformen schnell im Chaos versinken kann. Wenn Apps, die eigentlich gar keine Browser sind, dem Kunden vorgaukeln, ein Browser zu sein, würde dies ganze andere Probleme mit sich bringen, vor allem im Bereich der Privatsphäre.

"Wir wollen nicht, dass die Nutzer schlechte Erfahrungen mit anderen vermeintlichen Browser-Apps machen und am Ende frustriert sind. Bei diesen Dingen gehen wir sehr vorsichtig vor", verrät Federighi. 

Ob aus diesem Grund nicht jede App sich mit diesem neuen iOS-14-Feature brüsten könne, will Brownlee daraufhin wissen. "Ja, da hast du absolut recht", antwortet Federighi, "Wir haben bestimmte Kriterien, die eine Browser-App erfüllen muss. Die derzeit beliebten Browser-Apps, die du dir vielleicht gerade so vorstellst, qualifizieren sich natürlich. Das Gleiche gilt natürlich auch für Mail-Apps."

Am Ende fasst Brownlee noch mal Federighis Antwort zusammen: "Manchmal kann Apple dem Nutzer also nicht alle denkbaren Vorteile von Standard-Apps gewähren, um die eigenen, ziemlich hohen Ansprüche für den Schutz der Privatsphäre weiter gewährleisten zu können."

Tipp

Sie wollen iOS 14 schon jetzt nutzen? In unserem Ratgeber erklären wir, worauf Sie bei der Installation der Beta-Version achten müssen.

Siri: Ein (un)praktisches Feature hat es nicht in iOS 14 geschafft

Siri wurde für iOS 14 ordentlich überarbeitet: Der smarte Sprachassistent kann jetzt nicht nur mehr Fragen beantworten, sondern auch das Design wurde angepasst. Stellt man Siri nun eine Frage, wird dafür nicht mehr der gesamte Bildschirm in Anspruch genommen. Stattdessen erscheint am unteren Bildschirmrand eine kleine Animation, der Rest des Bildschirms bleibt sichtbar und Siris Antwort wird am oberen Bildschirmrand eingeblendet.

Siri bekommt mit iOS 14 ein Design-Update, das für Fragen sorgt.

© Apple

Die Frage, die Marques Brownlee hier Federighi stellt: Wenn man Siri etwas fragt, bleibt zwar der Bildschirm weiterhin sichtbar, man kann aber mit ihm nicht interagieren. Berührt man den Bildschirm während die Frage gestellt oder beantwortet wird, bricht dieser Vorgang automatisch ab. Warum kann Siri die Frage nicht in Ruhe beantworten und der Nutzer kann währenddessen weiter bei Twitter durch die Timeline scrollen, eine WhatsApp-Nachricht tippen oder durch die Bildergalerie gehen?

"Tatsächlich haben wir hier bei uns intern zwei Varianten als Prototypen ausprobiert. Bei der einen konnte man tatsächlich hinter der Siri-Anwendung noch weiter scrollen. Am Anfang dachten wir auch noch, dass dies eine wirklich gute Idee sei", so der Chef-Entwickler. "Doch dann fanden wir heraus, dass dies eigentlich der umständlichere Weg der Nutzung ist. Angenommen, man möchte nur mal schnell das Wetter checken oder eine bestimmte Information erhalten: Um anschließend gleich mit dem weitermachen zu können, was man zuvor gemacht hat, muss man auf jeden Fall erst selbst die Siri-Antwort ausblenden. Wir werden auf jeden Fall das Feedback während der Beta-Phase abwarten und auf die Nutzer hören. Wir haben ja beide Möglichkeiten zur Auswahl und sie funktionieren auch beide. Wir wollten mit iOS 14 aber nicht nur visuell eine gewisse Leichtigkeit reinbringen, sondern auch bei der Nutzung: Man fragt Siri etwas, bekommt eine Antwort und macht sofort weiter ohne irgendwelche Unterbrechungen."

Craig Federighi im Gespräch mit Marquess Brownlee.

© MKBHD

Brownlee wirft an dieser Stelle ein, dass diese Anwendung auf dem iPhone durchaus Sinn ergibt, auf dem iPad allerdings eher stört – gerade weil man dort einen größeren Bildschirm zur Verfügung hat. Federighi nimmt den Kritikpunkt gut auf und fragt, wie die Siri-Antwort denn verschwinden soll? Soll sie auf dem iPad nach einem gewissen Zeitraum von selbst verschwinden oder soll der Nutzer aktiv die Meldung wegstreichen? Eine klare Antwort auf diese Frage haben die beiden Interview-Partner nicht gefunden. Falls die Beta-Tester jedoch die gleiche Meinung wie der Youtuber haben, könnte Apple sich auch noch kurzfristig umentscheiden und Siri zu einem späteren Zeitpunkt mit dem gewünschten Feature ausstatten.

Craig Federighi beantwortet Fan-Fragen

Gegen Ende des Videos stellt Brownlee dem Apple Chef-Entwickler auch noch ein paar Fragen, die aus der Youtube-Community stammen.

Warum gibt es keine Wetter-App für das iPad?

So scheint es die Fans beispielsweise dringend zu interessieren, weshalb Apple dem iPad bisher noch keine eigene Wetter- oder Taschenrechner-App spendiert hat. Die Frage wurde von den Zuschauern immerhin mit 1600 Daumen nach oben bewertet. Die Antwort könnte nicht Apple-typischer sein: "Wir haben bisher keine Wetter- oder Taschenrechner-App für das iPad gemacht, weil wenn wir eine machen würden, sollte diese auch einem Gerät wie dem iPad gerecht werden. Ich meine, es ist im Prinzip recht einfach eine eigene Taschenrechner-App zu entwickeln, aber eine zu kreieren, bei der man denkt: "Wow, das ist die beste iPad-Taschenrechner-App", ist dann doch nicht so einfach. Wir wollen es machen, wenn wir glauben, dass wir es wirklich, wirklich gut hinbekommen werden. Und ehrlich gesagt ist es uns bisher einfach nicht gelungen, diese App wirklich großartig zu machen. Aber dieser Tag mag noch kommen", erklärt Federighi. "Und bezüglich der Wetter-App: Natürlich wäre es für uns ein leichtes, die iPhone-Wetter App für das iPad zu skalieren, aber auch hier stellen wir uns die Frage: Sieht so eine wirklich großartige Wetter-App für ein iPad aus? Lasst es uns lieber richtig machen, als irgendwie."

Natürlich gibt es da auch noch eine ganz einfache Lösung: Laut Federighi kann man auch im App Store tausende Alternativen in Anspruch nehmen. Brownlee erwähnt in dem Zusammenhang, wie sehr er die App "Dark Sky" vermissen wird. Apple hat erst vor Kurzem den Wetterdienst aufgekauft und somit viele Android-Nutzer verärgert , da der Support für die App nun iPhone-Nutzern vorbehalten bleibt. Federighis Antwort darauf scherzhaft: "Vielleicht ist für dich nun Zeit gekommen, exklusiv aufs iPhone umzusteigen!"

Kommt die Apple-Watch-App auf das iPad?

Die Apple Watch zählt zu den beliebtesten Smartwatches auf dem Markt. Auch Android-Nutzer hätten Interesse, wenn bei der Nutzung einer Apple Watch nicht der Besitz eines iPhone Voraussetzung wäre. Während dies für Android-Fans wahrscheinlich nicht infrage kommt, stellt ein Nutzer die Frage: Könnte man nicht auch eine Apple Watch tragen und diese mit dem eigenen iPad koppeln?

"Ich kann die Frage gut verstehen. Mit der Apple Watch mit LTE-Funktion hat man ja tatsächlich ein Gerät für unterwegs dabei und wenn man mehr Infos möchte, nutzt man eben das iPad. Das ist eine vernünftige Frage. Wir haben das tatsächlich bisher nicht geplant, ich meine, ich will aber auch nichts ausschließen. Ich liebe es, meine Apple Watch und mein iPad zu nutzen, also ich kann die Frage wirklich verstehen", so Federighi. Vielleicht können Android-Nutzer in Zukunft tatsächlich eine Apple Watch mit einem iPad nutzen.

Hier können Sie das komplette Interview zwischen Marques Brownlee und Craig Federighi ansehen, in dem sie sich unter anderem auch über das neue macOS Big Sur und dessen neues Design unterhalten: