Apple Event

"Umfragen sind keine Wahlergebnisse" – stimmt, auch wenn man diesen Satz derzeit eher von Personen hört, die Parteien nahestehen, die mit den Umfragen alles andere als zufrieden sein können. Gerüchte machen auch noch kein leckeres Dinner, egal, wie gut informiert die Köche waren. Wir können aber aus Erfahrungswerten extrapolieren und sind ziemlich sicher, dass die Keynote heute Abend so oder so ähnlich ablaufen wird.

Live-Ticker der Apple-Keynote hier verfolgen

Gegen 18.45 Uhr hiesiger Zeit ändert sich das Logo auf Apples Website, das "California Streaming" ankündigt. In einer hypnotischen Animation ändert der Apfel die Farbe seines Randes und die Position über dem See. Dazu ertönt komischer Elektro, den nicht mal Apples Shazam erkennt, das seit iOS 14.2 so praktisch im Kontrollzentrum integriert ist, dass es seither mehr als eine Milliarde Mal benutzt wurde. Doch die Musik, die Apple da spielt, ist völlig neu und noch unbekannt – das war im Frühjahr bei "Spring Loaded" auch schon so.

Behutsamer Einstieg

Pünktlich um 19 Uhr ändert die Musik ihr Tempo, ihre Tonart und ihren Stil, bleibt aber komisch. Dabei haben wir uns so auf "California Dreaming" gefreut, aber da praktisch noch keine Blätter braun sind und der Himmel über München und Cupertino strahlend blau und nicht grau ist, wäre der Song auch nicht passend. Immerhin spuckt Shazam jetzt etwas aus, einen Namen, den wir noch nie gehört haben. Währenddessen fährt die virtuelle Kamera durch das Apfellogo über dem See in die Sterne und taucht gen Apple Park in Cupertino hinab, über dem gerade die Sonne aufgeht. Die wilde Fahrt endet beim Sonnenkönig, nein, beim Apple-CEO, der in die Kamera etwas von der Demut erzählt, unter der Apple und seine Mitarbeiter in den letzten Pandemiemonaten tolle neue Produkte entwickelt haben, für die es jetzt an der Zeit ist, das Licht der Welt zu erblicken.

Zeit, ein gutes Stichwort: Nach der Begrüßung übergibt Tim Cook um 19.05 Uhr an das Apple-Watch-Team, um die neueste Entwicklung vorzustellen. Es ist erstmals in der Geschichte der Uhr nicht Kevin Lynch, der die Leitung der Passage übernimmt. Insider wissen: Lynch hat jetzt das "Project Titan" an der Backe, jene schier ewig währende und zahlreiche Manager verschleißende Entwicklung eines autonomen Automobils, das Apple aber auch heute totschweigt. Stattdessen macht sich Marketing-Vorstand Greg Joswiak weltweit etliche Millionen Feinde. Denn es stimmt, das neue Design der Apple Watch Series 7 bringt auch Änderungen bei den Armbandhalterungen mit sich, wer sich beispielsweise im Frühjahr eines der schicken neuen Singleloops für seine alte Uhr gekauft hat, wird bei der alten Uhr bleiben müssen. Ansonsten ist die Apple Watch Series 7 natürlich ein Fortschritt, Joswiak und Kollegen loben vor allem die erweiterte Akkulaufzeit, den effizienteren Chip, den größeren Bildschirm und überhaupt die neue Form und die Farben, die an die iMac-M1-Palette erinnern. Da wir das schon alles wussten, bleibt der Blutdruck im Sollbereich. Denn etwas technisch völlig Neues wie eine spektrometrische Blutdruckmessung lässt die Apple Watch Series 7 weiter vermissen. Aber schick ist sie schon.

Für die zornigen unter den Nutzer alter Uhren hat Joswiak aber eine gute Nachricht parat: Die Apple Watch Series 6 verkauft man weiter, der Preis sinkt aber um einen Hunderter. Gleich bleibt der für die Apple Watch SE, die ebenso im Portfolio verbleibt, die Apple Watch Series 3 hingegen fliegt endlich aus den realen und virtuellen Regalen: Ihr geringer Speicher hat seit watchOS 7 für viel Verdruss gesorgt.

Erweiterung der Kampfzone

Es folgt ein mal wieder schön gemachtes Promovideo für die Apple Watch Series 7, mit schönen Menschen in schönen Gegenden bei schönem Wetter. Kein Wunder, dass wir im Winter, wenn die Apple Watch Series 7 endlich an unser Handgelenk kommt, weil sie praktisch ab sofort ausverkauft ist, von Kalifornien träumen. Wir könnten natürlich auch nächsten Freitag um 14 Uhr, wenn die Vorbestellung beginnt, unser Glück versuchen. Es gibt ja den ein oder anderen Erfolg versprechenden Trick . Das retardierende Moment des Videos nutzen wir aber, um ein Bier aufzumachen. Der Abend wird noch lang, unterwegs verdursten wäre schlimm.

Danach wartet alles gespannt auf die Hauptsache des Abends, aber zunächst geht es noch um ein Zubehör, das wunderbar zur Apple Watch passt: Neue Airpods. Die sehen beinahe so aus wie die Airpods Pro, bringen aber kein ANC mit sich. Der Preis bleibt bei dem der Vorgänger, die zu einem reduzierten Preis im Angebot verbleiben. Vor lauter Airpods weiß man dann schon bald nicht mehr, wo einem der Kopfhörer steht. Wenigstens bleibt Apple sich treu: Auch die neuen Airpods sind in allen Farben zu haben, solange diese weiß ist.

Das Highlight des Abends

Das Werbevideo war ein wenig zu kurz für eine längere Bierpause, die Musik war wieder komisch, aber egal. Denn jetzt um 19.20 Uhr geht es zum Star des Abends, dem neuen iPhone. Natürlich lobt Tim Cook erstmal lang und breit die bisher bestverkaufte iPhone-Reihe der Geschichte Apples, die 12er, die im Oktober vor einem Jahr Premiere hatten. Aber natürlich hat man jetzt ein noch besseres, noch schnelleres, noch sexieres iPhone gebaut, das logischerweise iPhone 13 heißt. Tim Cook und Konsorten geben alles, um den Eindruck zu vermeiden, dass man das Ding auch iPhone 12s hätte nennen können. Das Lineup bleibt gleich: iPhone 13 und iPhone 13 Mini, dazu iPhone 13 Pro und iPhone 13 Pro Max. Auf den ersten Blick bleibt alles gleich: Das kantige Design, die Bildschirmgrößen, die Farben – bis auf die neuen Töne: ein knalliges Sunset-Orange für die 13er und ein etwas dezenteres Bronze für die 13er Pro.

Aber Apple betont vor allem die Unterschiede: Optische Bildstabilisierung mit beweglichem Sensor auch beim 13 Pro! Lidar auch bei beiden 13ern! Pro Motion, also 120 Hz Bildwiederholrate bei 13 Pro und 13 Pro Max! Always-On-Display, ebenso bei den Pros. Und natürlich der A15, der mal wieder alle anderen Prozessoren in die Tasche steckt, der die Leistung eines High-End-Desktops auf das iPhone bringt und der dank noch mehrerer neuronaler Kerne jetzt eine künstliche Intelligenz bringt, von der man fast befürchten müsste, dass sie Bewusstsein erlangt.

Feature nach Feature stellen Mitarbeiter:innen vor, die wahnsinnig verbesserte Kamera, mit der man sogar die Milchstraße aus der Hand fotografieren kann, wenn man sie denn sähe. Oder die verfeinerten AR-Funktionen, die das Lidar in allen Geräten ermöglicht. Und natürlich die neuen Farben, so schön wie noch nie.

Das Publikum vor den Bildschirmen bekommt aber noch ein paar Wermutstropfen eingeschenkt. Denn mit der Verfügbarkeit ist das so eine Sache: Bestellen kann man am Freitag nächster Woche gerne versuchen, ob die Telefone dann tatsächlich auch ab 27. September bei den Käufern ankommen, das ist so eine Sache. Einzelne Konfigurationen und Farben werde man erst "später" liefern können - wann auch immer. Und da wäre noch die Sache mit den Preisen: Die steigen wieder, wenn auch nur moderat. Immerhin bleiben noch ein paar ältere Modelle im Angebot, zu moderat gesenkten Preisen: iPhone 11, iPhone 12 und iPhone SE.

Tim Cook fasst um 19.55 nach einigen weiteren brillanten Werbevideos noch einmal zusammen, was wir alles gesehen haben – und macht Appetit auf mehr. Denn man habe bei Apple noch so viele unglaubliche Produkte in der Pipeline, von denen man kaum erwarten kann, sie zu zeigen. Aber eben nicht heute.

Kein Wort wird hingegen über das erst gestern veröffentlichte Sicherheitsupdate fallen und warum es nötig war. Ebenso schweigt sich Apple darüber aus, was denn nun aus dem umstrittenen CSAM-Scan passieren wird, der ja mit iOS 15 hätte kommen sollen. Das wiederum soll beinahe zeitgleich mit den neuen iPhones herauskommen: Ab 25. September steht es zum Download bereit. Aber dann kursieren bereits Spekulationen über "California Streaming, Pt. II", die nächste Apple-Keynote. Im Abspann läuft dann wieder komischer Elektro.