Es geht wieder aufwärts mit AAPL

Während hierzulande die Hexen auf dem Brocken tanzen und in der Nähe von München das Kultlokal " Die Hexe " ihre Abschiedsvorstellung gibt, stellt Apple um 22 Uhr unserer Zeit (Börsenschluss in New York um 4 pm EDT) sein Hexen-, nein, Zahlenwerk vor. Die Prognose ist nicht einmal so gewagt: Trotz weiter rückläufiger Umsätze und Gewinne, trotz der Weigerung Apples Stückzahlen für die Verkäufe insbesondere von iPhones zu nennen, wird sich Wall Street mit den Ergebnissen zufrieden zeigen – der Kurs von AAPL wird im nachbörslichen Handel wieder ein wenig zulegen. Vor dem Handelstag an der Nasdaq steht der Kurs bei 204,61 US-Dollar, das liegt kaum noch unter dem Spitzenwert von 232,07 US-Dollar im Oktober, zumindest verglichen mit dem lokalen Minimum des Kurses von 142,19 US-Dollar am 2. Januar 2019.

Die Fieberkurve der Apple-Aktie im letzten Jahr

Was war an jenem Tag passiert und vor allem danach? Das neue Jahr hatte für Apple schon mal gut angefangen, am 2. Januar musste Apple-CEO Tim Cook davor warnen, dass die für Ende des Monats versprochene Bilanz für das erste Quartal des Geschäftsjahres 2018/19 nicht so ausfallen würde wie erhofft. Vor allem China mache Schwierigkeiten beim Absatz des iPhones, die dortige wirtschaftliche Ungewissheit mache das Geschäft schwierig. In der Tat legte Apple keine besonders guten Zahlen vor – auf dem ersten Blick. Gegenüber dem Vorjahr waren Umsatz und Gewinn deutlich zurück gegangen, vor allem das iPhone schwächelte: Nur noch 52 Milliarden US-Dollar statt 61 Milliarden US-Dollar eingenommen. Was man dabei leicht übersehen konnte: Es handelte sich immer noch um das zweitbeste Quartal der Apple-Geschichte, insgesamt ging der Umsatz nur um vier Milliarden US-Dollar zurück und der Gewinn um 100 Millionen US-Dollar. Nichts, worüber man sich ernste Sorgen machen müsste. Und die Aussicht für das März-Quartal, dessen Bilanz Apple heute Nacht vorlegen wird, sind gar nicht mal so trübe: Bis zu 59 Milliarden US-Dollar Umsatz und damit nur zwei Milliarden weniger als in Q2 2017/18. Womöglich sinkt der Gewinn dann nicht einmal mehr.

Schon am Tag der Bilanzpräsentation hatte der recht treffsichere Analyst Ming-Chi Kuo seine Einschätzung gegeben, dass für das iPhone das Schlimmste vorüber sei, der Absatz- und Umsatzrückgang werde schon im Märzquartal geringer ausfallen. Kuo könnte erneut Recht behalten – die jüngsten Zuwächse des Kurses der Apple-Aktie greifen dem im Prinzip schon vor. Wall Street ist positiv gestimmt.

Wenig Neues …

Nüchtern betrachtet hat Apple im ersten Kalenderquartal recht wenig gezeigt – auch auf den ersten Blick. Es gab zwar durchaus interessante Neuerungen für iMac und iPad, doch wenn wir ehrlich sind, betrifft das nur eine Nische. Obwohl das Apple vor der iPhone-Ära wahrscheinlich fünf Millionen Mac-Verkäufe pro Quartal so realistisch gehalten hätte wie den Hexentanz auf dem Blocksberg.

Über das iPhone von 2019 hört man derweil nur Spekulationen, ein von vielen Kunden und auch einigen Analysten gewünschtes Modell zum günstigeren Preis und mit kleinerem Bildschirm – also ein Nachfolger für das iPhone SE – ist ausgeblieben. Peinlicher Weise musste Apple mit der AirPower sogar ein 18 Monate zuvor großspurig angekündigtes Produkt einstellen, bevor es fertig war. Die Konkurrenz schläft währenddessen nicht: Während sich Klappsmartphones zwar noch nicht als Knüller erweisen, bringen Samsung und Huawei interessante neue Smartphones, die das iPhone XS Max zumindest hinsichtlich der Kamera schlagen. Und die AirPods der zweiten Generation sind zwar gut und klingen wundersamer Weise besser als die erste Generation, aber dutzende Milliarden wird Apple damit auf Sicht auch nicht einnehmen. An sich genügend Material für weitere Strophen des altbekannten Liedes "Apple is doomed".

 … bis auf Eines

Doch da war da noch das Special Event "It's show time" am 25. März. Keiner der damals vorgestellten Services hat zur Bilanz für Q2 2018/19 beigetragen – im Berichtszeitraum gestartet war ja nur Apple News+, jedoch mit einem Gratis-Monat – aber vor allem hat die Show rund um Apple TV+, Apple News+, Apple Arcade und Apple Card die Phantasie der Börsianer angeregt. Es ist diese Phantasie, der Glaube an künftige Unternehmensgewinne und Aktionärsdividenden, der dem Kurs wieder auf die Sprünge hilft.

Apple hat dieses Narrativ schon lange weiter getragen und auch in Rekordquartalen immer wieder auf das starke Wachstum der Services-Sparte verwiesen. Die App Stores, iTunes, Apple Music, iCloud und Apple Pay sind bereits Quellen für stetige Einnahmen. Apple verkauft nicht nur ein Gerät, das der Kunde dann über viele Jahre nutzt, sondern in der Zeit bis zum Upgrade auch regelmäßig Apps, Musik, Filme und andere Inhalte. Speicher bekommt man anderswo günstiger und in der kostenlosen Variante nicht nur 5 GB wie in der iCloud, wer aber einmal in Apples Ökosystem gefangen ist, der verlässt es nicht freiwillig oder flanscht irgendwelche Dienste an, die weniger Bequemlichkeit und Datenschutz bieten.

Nun will Apple seine Kunden auch noch mit Inhalten locken und halten. Apple TV+ wird keineswegs Netflix, Amazon Prime und Co. ersetzen, weswegen man sich in Form von Apple TV Channels ja problemlos andere Streamingdienste dazu abonnieren kann. Mit journalistischen Inhalten verdient es sich schlecht Geld auf Abo-Basis, das gilt aber eher für Verleger als für Apple, das kräftige Provisionen kassiert. Gelegenheitszocker geben im Abo womöglich mehr für aktuelle Spiele aus, als sie es sonst tun würden.  Die Apple Card könnte sich als unerlässliche Kreditkarte für Nutzer von Apple-Geräten und Apple Pay erweisen, zumindest in den USA scheint die zusammen mit Goldmann Sachs aufgelegte Karte ein gutes Angebot zu sein.

Services-Umsätze werden also weiter wachsen, während die iPhone-Verkaufszahlen stagnieren und Mac und iPad abseits von jahreszeitlichen Schwankungen auf ihrem doch recht hohem Niveau bleiben. Den Glauben an künftiges Wachstum, Umsatz und Gewinne hat Apple aber in den Köpfen der Wall Street verankern können. Weswegen die Zahlen heute allenfalls auf den ersten Blick den Vergleich mit dem Vorjahr nicht werden standhalten können.