Gruppen-Chat per Facetime

Letztes Jahr, inmitten einer Pandemie, hat sich Apple nichts anmerken lassen. Neue Produktvorstellungen folgten den neuen Betriebsversionen. Der Übergang zu Apple-Silicon begann.

Jeder bei Apple verdient eine Menge Anerkennung dafür, dass die Geschäfte im Jahr 2020 am Laufen gehalten wurden, aber das Unternehmen profitierte von seiner Strategie, weit im Voraus zu arbeiten und die Grundlagen für Produkte und Funktionen über einen langen Zeitraum zu schaffen.

Leider hat dieser Ansatz auch eine Kehrseite: Er reduziert die Improvisationsmöglichkeiten des Unternehmens. Im letzten Frühjahr war klar, dass Masken für eine Weile ein wichtiges Utensil im öffentlichen Leben bleiben, aber es gab keine Möglichkeit, das nächste iPhone rechtzeitig anzupassen, um Touch ID zumindest optional zurückzubringen - etwa in den Einschalter. Apple schaffte es zwar, einen Masken-Trick für Apple-Watch-Nutzer zu erfinden – aber selbst diese schnelle Lösung kam erst mit einem iOS-Update im Mai 2021 auf die iPhones .

Apple nimmt sich Zeit, im Guten wie im Schlechten. Diese Woche hat Apple auf seiner Worldwide Developer Conference endlich eine Reihe von Funktionen vorgestellt, die anscheinend auf den harten Lektionen basieren, die man in der letzten Zeit aus der Pandemie gelernt hat. Es ist schön zu sehen, dass Apple auf die Veränderungen in der Welt reagiert, aber wenn man bedenkt, dass nichts von dem, was diese Woche gezeigt wurde, vor dem Herbst ausgeliefert wird, ist das Timing dann falsch?

Facetime in einer Zoom-Welt

Im letzten Jahr haben viele von uns unanständig viel Zeit in Videokonferenzen verbracht. Zoom ist zu einem festen Begriff geworden, sowohl als Substantiv als auch als Verb. Facetime hat bei der Diskussion über die besten Videokonferenz-Lösungen nie mitgemischt. Ich spreche aus persönlicher Erfahrung: Meine gesamte Großfamilie nutzt Apple-Geräte, und dennoch, als meine Schwiegereltern beschlossen, einen zweiwöchigen Familien-Videochat einzuführen, nutzten wir Zoom. Gruppen-Facetime habe ich nicht einmal in Erwägung gezogen.

Zumindest zum Teil ist dies Apples Schuld, weil Gruppen-Facetime in seinen frühen Tagen nicht gut umgesetzt wurde. Es war während der Beta-Tests so fehlerhaft, dass es bei iOS 12 auf ein späteres Punkt-Update verschoben wurde . Apple entschied sich, die Benutzeroberfläche etwas aufzupeppen, indem es die Standard-Gitteransicht, die von buchstäblich jeder anderen Videokonferenz-App bevorzugt wird, vermied und stattdessen Teilnehmer der Gruppenkonferenz in schwebenden Blasen platzierte. Diese waren nicht fest verankert und änderten auch ihre Größe, je nachdem, ob die Person darin sprach oder schwieg. Viele Anwender fanden das verwirrend und ablenkend.

Die beweglichen Blasen in Gruppen-Facetime war nie die beste Lösung

© Apple

Und dann ist da noch die Tatsache, dass Facetime eigentlich ziemlich erfolgreich war, wenn es um Videoanrufe unter vier Augen ging. Ich benutze Facetime mehrmals pro Woche für Familiengespräche und liebe es. Aber ich vermute, dass Facetime sich so sehr als Eins-zu-Eins-Medium etabliert hat, dass es immer eine Herausforderung sein würde, Facetime für Gruppenkonferenzen zu etablieren.

Aus welchem Grund auch immer, die Pandemie kam, das Bedürfnis nach Konferenz-Apps stieg und Facetime versagte. Ich bin mir sicher, dass es bei Apple eine Menge hitzige Diskussionen über die Problematik gab. Auf jeden Fall scheint das einen Anstoß für eine ernsthafte und vielversprechende Überarbeitung von Facetime gegeben zu haben.

Aus den Erkenntnissen von Zoom lernen

Während Apple auf der Bühne ankündigte, Facetime sollte sich mit den kommenden Änderungen "natürlicher, komfortabler und lebensechter anfühlen", bleiben wir ehrlich: Es geht auch darum, Facetime konkurrenzfähiger mit Zoom, WebEx und dem Rest der Videokonferenz-Sparte zu machen.

Der erste Schritt: die Einführung einer richtigen Gitteransicht. Diese schwebenden Blasen waren skurril und lustig, aber nach mehr als einem Jahr Zoom-Konferenzen haben wir uns daran gewöhnt, die Gesichter aller Teilnehmer in ihren kleinen Kästen zu sehen.

Weiter: Da wir erkannt haben, dass unsere eigenen Wohnräume nicht unbedingt glamourös oder interessant sind und sogar geradezu peinlich sein könnten, haben andere Videokonferenzsysteme die Möglichkeit angeboten, den Hintergrund zu verwischen oder ihn sogar durch ein anderes Bild zu ersetzen. Während Apple (noch?) nicht auf die Idee gekommen ist, das Bücherregal durch ein Wüsten- oder Bergpanorama zu ersetzen, hat es seine eigene Lösung für das Problem angeboten: den Porträtmodus. Der ist eigentlich nur ein Unschärfen des Hintergrunds unter einem anderen Namen, aber das ist in Ordnung. Es ist eine nützliche Funktion.

Mit den verlinkten Facetime-Chats macht Apple auch die ersten Schritte außerhalb seines eigenen Ökosystems. Nutzer unter Android und Windows können auf einen Facetime-Link klicken und an einem Facetime-Gespräch in einem Webbrowser teilnehmen. Damit bricht Facetime ein wenig aus dem " Walled Garden " und wird zumindest ein wenig breiter aufgestellt. (Sie können immer noch keine Konversation von einem Android-Smartphone oder Windows-PC aus starten.)

Aber Links ist nicht nur eine plattformübergreifende Funktion, es geht auch um Bequemlichkeit. Links sind einfach zu verschicken. Ich habe Zoom-Links für mehrere meiner wiederkehrenden Meetings erstellt, einschließlich des Familienchats, den wir alle zwei Wochen veranstalten. Jeder weiß, was er damit machen muss. Ich kann Zoom-Links in meinen Kalender einfügen und weiß genau, auf welchen Link ich klicken muss, wenn der Termin näher rückt. Facetime-Chats in URLs zu packen ist für alle vorteilhaft, nicht nur Anwendern außerhalb des Apple-Ökosystems.

Shareplay

Und dann ist da noch Shareplay, eine Reaktion auf den letztjährigen Trend zu Video-Watch-Party-Apps und Plug-ins, von denen viele Apple-Geräte ausschlossen, weil sie Chrome-Erweiterungen benötigten. Die neue Shareplay-API kanonisiert die Idee, dass verschiedene Personen, selbst geografisch getrennt, gemeinsam Medien konsumieren wollen. Und da es sich um ein echtes Feature und nicht um eine Sammlung von Hacks handelt, sieht es beeindruckend aus: Die Kontrolle über die Wiedergabe wird geteilt, sodass alle Teilnehmer pausieren, abspielen und sogar zu neuen Abschnitten des Videos scrollen können.

Shareplay

© Apple

Ist das alles zu spät?

Wenn man beachtet, dass Apples Strategie auf eine recht lange Hand vorausgeplant ist und nur noch wenig Raum für Improvisation bleibt, ist die Vorstellung all dieser neuen Funktionen eigentlich eine beeindruckende Leistung. Das Problem ist, dass bis zum Herbst 2021 der weltweite Bedarf an Videokonferenzsoftware zurückgehen wird. (Es ist wichtig anzumerken, dass während in Europa und in den USA die Impfzahlen nach oben, die Infektionszahlen nach unten schellen, wütet die Pandemie weiterhin in anderen Teilen der Welt. Wer kann sagen, was der Herbst bringen wird?)

Ist das alles also zu spät? Ich werde mich nicht über Betteridges Gesetz hinwegsetzen (benannt übrigens nach dem ehemaligen MacUser-Redakteur Ian Betteridge). Ich denke, die Antwort ist wahrscheinlich "Nein". Während Apple den Höhepunkt des weltweiten Bedarfs an Videokonferenz-Apps verpasst hat, vermute ich, dass das Jahr 2020 die Art und Weise, wie Menschen das Internet zur Interaktion nutzen, dauerhaft verändert hat. Selbst wenn die Pandemie vollständig abklingt, haben wir uns alle an Telearbeit, Home-Office und (vielleicht am wichtigsten) an die Nutzung von Technologie gewöhnt, die uns mit Freunden, Familie und Kollegen besser verbindet.

Wahrscheinlich wird Facetime in diesem Herbst Zoom und andere große Player im Bereich Videokonferenzen nicht das Fürchten lehren. Aber: Mit den passenden Funktionen, die Apple diese Woche angekündigt hat, hat Facetime eine viel bessere Chance, Teil des Zeitgeistes zu sein, Pandemie hin oder her.