VoIP: Warum wir es auch 2018 nicht lieben werden

Christoph Dyllick-Brenzinger |
Wir befinden uns mitten in einer der größten Technikumstellungen der letzten Jahre. Im Jahre 2018 werden nun endgültig die letzten analogen und ISDN-Anschlüsse abgeschaltet und komplett auf “Voice over Internet Protocol” (VoIP) umgestellt.

Mit VoIP werden Telefongespräche nicht mehr über Telefonanschlüsse, sondern über das Internet abgewickelt, und eigentlich sollten alle davon profitieren: Die Provider können zukünftig sämtliche Dienste wie Telefonie, Fax, TV, Internet und Mobilfunk über ein Datennetz zur Verfügung stellen. Ein separates Telefonnetz ist nicht mehr nötig. Das spart natürlich enorme Kosten und Verwaltungsaufwand. Den Kunden wird versprochen, dass mit VoIP die Kommunikation einfacher, flexibler und schneller wird.

Überhaupt sind moderne Anwendungungen wie Videotelefonie oder die engere Verzahnung von Telefonie und Software erst mit VoIP möglich. Und obwohl die Argumente der Anbieter durchaus richtig sind, wird VoIP sowohl im Privaten wie auch im Unternehmensumfeld häufig als Last und - schlimmer noch - teilweise sogar als Rückschritt angesehen.

Doch woher kommt die Kritik an VoIP, und warum ist VoIP nicht so “rock solid” wie ISDN?

Aus meiner Sicht gibt es vier Gründe dafür, dass auch im Jahr 2018 nur Wenige von VoIP begeistert sein werden:

1. Die Störquellen nehmen zu

VoIP verwandelt Telefonie in Kommunikation. Telefon und Computer wachsen immer mehr zusammen, da sie sich das gleiche Datenkabel und Übertragungsnetzwerk teilen. Selbst Standard-Gigabit- Netzwerke erlauben von der Kapazität her mit Leichtigkeit Gespräche in HD-Qualität - theoretisch. Denn wie überall, wo man sich Ressourcen teilen muss, kann es zu Engpässen oder Wechselwirkungen kommen.

Leider reagiert VoIP extrem sensibel auf schlechte Datenverbindungen. Sei es die langsame Internetverbindung, die parallelen Datei-Downloads oder ein Netflix-Stream, überforderte Switches, altersschwache LAN-Kabel oder eine falsch konfigurierte Firewall - wenn man keine zuverlässige verzögerungsfreie Datenverbindung vom Telefon über die Telefonanlage bis zum VoIP-Provider herstellen kann, führt das zwangsläufig zu Problemen vom kleinen Aussetzer bis hin zur völligen Nichterreichbarkeit.

Die Anbieter versprechen den Anwendern eine ganz einfache Umstellung auf VoIP, ignorieren dabei aber die Tatsache, dass viele Unternehmen gar nicht über die nötigen Voraussetzungen und das Wissen verfügen, um sämtliche Störquellen im lokalen Netzwerk zu erkennen und zu vermeiden. Wenn dann Probleme mit der Sprachübertragung oder der Erreichbarkeit auftreten, wird VoIP dafür verantwortlich gemacht.

2. VoIP ist ein neues Sicherheitsrisiko

Das Missbrauchspotenzial bisheriger Telefonieanschlüsse war vergleichsweise gering. Der Zugang zum Telefonnetz eines Unternehmens war schwierig und der Nutzen eines Angriffs vergleichsweise gering.

Mit einer modernen VoIP-Telefonanlage ist das anders. Ein VoIP-Telefonanlage muss zwingend über das Internet vom VoIP-Provider erreichbar und gleichzeitig aus dem lokalen Netzwerk von den IP-Telefonen ansprechpar sein. Diese Anforderungen führen zu geöffneten Ports in der Firewall und einer dauerhaften Verbindung ins lokale Netzwerk.

Eine VoIP-Telefonanlage muss somit zwingend in den IT- Sicherheitsüberlegungen eines jeden Unternehmens berücksichtigt werden. Dieser Mehraufwand verärgert natürlich jeden Unternehmer, der vor vielen Jahren seine ISDN-Telefonanlage einrichten ließ und seitdem keinerlei Aufwand mit seiner Anlage mehr hatte.

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3. Es fehlt an offener und standardisierter Computer Telephony Integration (CTI)

Ein VoIP-Telefon ist eigentlich ein kleiner Computer mit Telefonhörer. Alternativ kann man auch über einen sogenannten Softclient, also mit einer Software auf dem Computer und beispielsweise einem Headset, telefonieren. Folglich ist VoIP deutlich näher am Computer und dem Betriebssystem dran, als die vorherige analoge und ISDN-Telefonie.

CTI ist an dieser Stelle das Zauberwort und verspricht nahtlose Integration von Telefonie und Computer. So öffnet sich bei einem Anruf automatisch das Kundenprofil oder man klickt einfach nur mit der Maus auf die Telefonnummer eines Kunden, um einen Anruf aufzubauen. Diese Art der Integration bietet vielfältige Optimierungspotenziale, die aber nur wenige Unternehmen überhaupt ausnutzen. Grund ist weniger der Wille, sondern es sind die fehlenden Schnittstellen. Es gibt kaum Softwarelösungen, die fertige Schnittstellen anbieten, und wenn doch, sind diese alles andere als trivial einzurichten.

Statt sich auf einheitliche und sinnvolle Schnittstellen zu einigen, kochen die Telefonanlagenanbieter ihr eigenes Süppchen und bieten CTI oder individuelle Schnittstellen nur zu einzelnen Softwarelösungen und als kostenpflichtiges Add-on an. Diese Eintrittshürden torpedieren zuverlässig den wahrscheinlich wichtigsten Vorteil von VoIP und verhindern echte Effizienzgewinne.

4. Am Anfang stehen erst mal Kosten

Eigentlich sollte man erwarten, dass zumindest ein Teil der Kostenersparnis des Providers an den Endkunden weitergegeben werden. Und tatsächlich kann VoIP-Telefonie durchaus günstiger sein. Doch leider ist der Umstieg auf VoIP zumindest anfangs erst einmal mit Kosten verbunden.

Egal, ob man eine neue Telefonanlage mietet oder kauft, man diese durch einen Profi einrichten lässt oder es selber machen kann - die Umstellung kostet. Hinzu kommt, dass man mit großer Sicherheit neue Telefone anschaffen muss. Der Weiterbetrieb von “alten” analogen Telefonen ist zwar technisch möglich, mittelfristig führt jedoch nichts an einer Neuanschaffung vorbei. Selbst bei extrem optimistischer Rechnung kann die Umstellung auf VoIP in den nächsten Jahren nicht die Kosten der Umstellung aufwiegen.

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Holen Sie für sich das Maximum aus der Umstellung auf VoIP

VoIP wird auch im Jahr 2018 kein Selbstläufer. Viele Unternehmer und Anwender haben das Gefühl, zu einer neue Technik gedrängt zu werden, die bestenfalls das Gleiche leistet und trotzdem Investitionen erfordert.

Dabei bietet die VoIP-Umstellung enormes Potenzial zur Optimierung der Arbeitsabläufe. Dies erfordert jedoch Planung und Fachwissen, um die Potenziale zu heben und die Schwierigkeiten zu vermeiden. Einfach die erstbeste oder günstigste Telefonanlage zu wählen und sich keine Gedanken über eine zuverlässige Datenverbindung und Absicherung des Netzwerkes zu machen, ist der sichere Weg, Geld zu verschenken oder Telefonie-Probleme zu bekommen.

Telefonie ist jedoch auch in Zeiten von Whatsapp und Slack bei den meisten Unternehmen das wichtigste Kommunikationselement im Umgang mit den Kunden, und als solches sollte es auch behandelt werden.