Sexroboter: Alternative zur eigenen Spezies?

Florian Krause, Iris Phan |
Was passiert, wenn der Mensch sich in der Zukunft mit der Maschine auf einmal wohler fühlt als mit anderen Menschen? Was macht das mit dem Einzelnen und wie wirkt sich das auf die Gesellschaft aus?
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Love and Sex with Robots - für viele Menschen in der Zukunft eine Alternative zum menschlichen Kontakt?

Fotolila/tiagozr

An Smartphones haben wir uns gewöhnt, sie sind aus unserem Alltag kaum noch wegzudenken. Die kleinen Helfer wecken uns morgens und informieren uns, wie das Wetter wird. Sie erinnern an Termine (und Geburtstage!), rufen unsere Mails ab und lassen uns mit unseren Freunden und Kollegen in Kontakt bleiben – manche Menschen vertreiben sich mit ihnen sogar auf der Toilette die Zeit.

Neben schönen Erinnerungen vertrauen wir Smartphones auch diverse intime Details an. Mit einigen Geräten können wir schon rudimentäre Konversationen führen. Sie sind praktisch ein Technik gewordenes Sekretariat, Tagebuch, Fotoalbum und Archiv.

Obwohl sie für einige Nutzer beispielsweise via Dating-Apps oder als Steuerungsinstrument für Sexspielzeug auch eine gewisse Brücke zur Erotik bieten, sind Smartphones oder auch andere Technik bislang jedoch keine wirklichen (Sexual-)Partner.

Sexroboter - der neue Traumpartner?

Anders ist das mit einer neuen Generation von Sexrobotern. Sie bietet erstmalig neben der (immer noch in den Kinderschuhen steckenden) Möglichkeit zur kommunikativen Interaktion auch die einer körperlichen. Das körperliche Miteinander ist hierbei nicht mehr nur passiv wie bei den klassischen aufblasbaren Sexpuppen, sondern bereits (rudimentär) reziprok.

Man kann sagen, dass die Sexindustrie somit die Entwicklung von interaktiven Robotern vorantreibt und dass die Hersteller die reziproken Fähigkeiten der Sexroboter noch verbessern werden, weil ja genau darin für viele der Spaß beim Sex liegt. Damit könnten menschliche Sexualpartner jedoch ein wichtiges Alleinstellungsmerkmal verlieren – ja, vielleicht sogar uninteressant werden?

Noch ist es nicht so weit, dass Sexroboter wirklich mit einem menschlichen Partner vergleichbar wären, aber angesichts ihrer rasanten Weiterentwicklung ist es sinnvoll, nach möglichen Konsequenzen für Nutzer und für die Gesellschaft zu fragen.

Interesse an Sexrobotern scheint in jedem Fall zu bestehen: Laut der Studie „Homo Digitalis“ des Bayrischen Rundfunks, Arte und des Fraunhofer Instituts kann sich jeder dritte Befragte aus Deutschland Sex mit einem Roboter vorstellen. Die tatsächliche Produktion ist aktuell in Europa noch ein Nischenmarkt, sicher auch, weil Sexroboter mit Preisen von mindestens 10.000 US-Dollar noch sehr teuer sind. Durch das absehbar große Marktpotenzial ist es jedoch nur eine Frage der Zeit, bis sich mehr Hersteller der Produktion von Sexrobotern widmen und dann auch die Preise fallen werden. Erste Bordelle mit Sexrobotern gibt es bereits.

Sexroboter haben durchaus einige Vorteile gegenüber einem Menschen als Sexualpartner, weil sie beispielsweise nach Belieben gestaltet werden können. Man kann sich praktisch seinen Traumpartner erschaffen: Geschlecht und Körperform, Alter, Augen-, Haar- und Hautfarbe, Form und Größe der Geschlechtsorgane usw. darf man selber festlegen. Unsere Idealvorstellungen vom menschlichen Körper, die von Menschen in der Regel nicht erfüllt werden können, sind mit Robotern problemlos realisierbar.

Bezüglich ihrer Form können Roboter also den idealen Menschen verkörpern. Hinzu kommen auf Befehl veränderbare charakterliche Eigenschaften – Roboter lassen sich auch als Dialogpartner beliebig formen: Sie könnten zum Beispiel generell unsere Meinungen bestärken oder und nur dort Widerworte geben, wo wir sie gerne hören. Und wenn uns das nicht mehr passt, ändern wir einfach per Knopfdruck ihre Dialog--Eigenschaften.

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Vielleicht soll es ja nur ein Mann für gewisse Stunden sein ...

© Sinthetics.com

Und wir müssen uns nicht mit eher störenden menschlichen Eigenschaften konfrontieren: Mit Robotern gibt es kein Schnarchen, kein Pupsen, kein Kopfweh, keine als negativ empfundenen Körpergerüche oder Ausscheidungen – dafür aber beliebige Ausdauer beim Sex. Wir wiederum müssen uns beim Sex mit einem Roboter keine Gedanken darüber machen, was den Partner eventuell stören könnte. Dem Sexroboter ist es egal, dass man einen anstrengenden Tag gehabt und zuletzt am Morgen geduscht hat, unrasiert ist oder dass man zu- oder abgenommen hat. Er hat kein Bedürfnis nach Spaß oder nach Bestätigung. Man kann sich voll auf den Sex und das eigene Erleben dabei konzentrieren. Der Sex könnte (endlich?) einigen durch die Porno-Industrie verzerrten (Ideal?-)Vorstellungen entsprechen.

Diskussionen, welche Formen solche Roboter nicht annehmen und welche kommunikativen Modi sie nicht haben sollten, brechen schon hier und dort auf. Eine gesellschaftliche Debatte hierüber ist wichtig und muss so früh wie möglich beginnen, damit wir sinnvolle Haltungen und Normen gegenüber diesen Robotern und den Menschen, die diese Roboter nutzen, entwickeln können – bevor sich potenziell problematische Varianten am Markt etablieren können oder eine auf unzutreffende Annahmen basierende Tabuisierung die Entwicklung unnötig ins Abseits drängt.

In diesem Kontext stellt sich dann auch die Frage: Was passiert, wenn sich eine Person mit einem Roboter wohler fühlt als mit anderen Menschen?

Individuen haben unterschiedliche Bedürfnisse

Von außen betrachtet würde man die Person, die mit einem solchen Roboter lebt, wohl als einsam beschreiben oder zumindest als eine Person, die sich dem Schein hingibt, in einer wechselseitigen Beziehung zu sein. Sich diesem Schein hinzugeben fällt vielen gar nicht so schwer, weil Menschen dazu neigen, Gegenstände und insbesondere Maschinen zu vermenschlichen, etwa durch Namensgebung oder gar das Zuschreiben von Gefühlen.

Bei unseren Haustieren tun wir dies im Übrigen auch – aber eine soziale Beziehung mit einem Lebewesen wie dem Haustier erscheint weniger fragwürdig als mit einem Roboter. Wenn Roboter nun auch zu rudimentärer Kommunikation fähig sind, könnten wir fragen: Warum eigentlich? Weil Haustiere Lebewesen sind, von denen wir glauben, sie zu verstehen? Weil uns der Umgang mit Tieren insgesamt vertrauter ist?

Am Ende müssten wir uns aber auch fragen, ob unsere Antworten darauf ausreichen, um den Umgang eines Menschen mit einem Sexroboter zu diskreditieren.

Die Frage ist besonders relevant, weil wir häufig ausblenden, dass nicht alle Menschen die Möglichkeit oder den Wunsch haben, ihren sexuellen Bedürfnissen mit anderen Menschen nachzugehen. Das kann beispielsweise daran liegen, dass sie aus unterschiedlichen Gründen von anderen Menschen nicht als sexuell attraktiv empfunden werden. Oder auch daran, dass ihnen gesellschaftlich sexuelle Bedürfnisse abgesprochen werden, wie dies bei Menschen, die in irgendeiner Form hilfsbedürftig sind, häufig der Fall ist.

Sex mit Robotern: Nicht merkwürdiger als vieles andere

Diese Tabuisierung stellt in den diversen Pflegeeinrichtungen ein Problem für die Pflegebedürftigen und auch die Pflegenden dar. Folglich werden Pflegekräfte mit diesem Thema auch ziemlich allein gelassen und eine Diskussion darüber wird schnell beendet: 2017 beispielsweise wurde ein Vorstoß der pflegepolitischen Sprecherin der Grünen Bundestagsfraktion in der „Welt am Sonntag“ zur Finanzierung von Sexualassistenz durch Berührer oder Sexarbeiter in der „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ von einer Pflegeheimleitung als menschenunwürdig beschrieben: Man wolle damit nur erreichen, dass die Pflegebedürftigen „nicht mehr nerven“ würden. Die Leitung räumte jedoch ein, dass das Thema „Sexualität in Heimen ständig präsent“ sei und das Pflegepersonal halt mit den damit verbundenen Herausforderungen (gereizte, aggressive Menschen, Schlafstörungen, Belästigung, öffentliche Masturbation) umgehen müsse.

Jüngst hat die Bundesregierung auf eine Anfrage der FDP-Fraktion geantwortet, dass es „nicht ersichtlich“ sei, „wie sogenannte Sexroboter zur Erfüllung dieser Aufgabenstellung (der Krankenkassen) beitragen könnten“.

Am Rande sei erwähnt, dass auch über den Dildo gesagt wird, er sei zu Beginn der Renaissance als Heilmittel bei Nymphomanie aber auch Melancholie bei Frauen wiederentdeckt worden. 1869 erfand dann der Arzt George Taylor den ersten Vibrator, um der „weiblichen Hysterie“ mit dem Herbeiführen von Orgasmen zu begegnen.

Nun ist ein Sexroboter kein Vibrator: Er kann deutlich mehr. Das ist zum einen für den Sex selbst interessant, zum anderen weckt es aber auch Bedenken, wie sich der Umgang mit ihm wohl auf Nutzer und die Gesellschaft insgesamt auswirkt.

Generelle Effekte von Sexrobotern auf Nutzer oder die Gesellschaft lassen sich schlecht ausmachen – zu unterschiedlich dürfte ihre Wirkung auf Einzelne sein, abhängig unter anderem vom Gebrauch sowie von sozialen und psychischen Konstellationen.

Analog zu beispielsweise Videospielen kann es für einige ein unterhaltsamer Zeitvertreib sein, für andere ein wichtiger Ausgleich zu ihren anderen Tätigkeiten, für wieder andere aber auch ein Ersatz für soziale Interaktion mit anderen Menschen. Im Extremfall kann es sicher auch vorhandene psychische oder soziale Störungen noch befördern und dann auch für das Umfeld zum Problem werden.

Wie sieht es mit Ihren sozialen Kontakten aus?

Obwohl sich sicher auch Roboter programmieren lassen, die soziale Fähigkeiten trainieren, kann man wohl festhalten, dass Menschen, die vorher schon wenig Kontakt zu anderen Menschen hatten, mit einem Sexroboter noch weniger Gründe hätten, diesen Kontakt zu suchen. Dazu würden sie ihre sozialen Fähigkeiten mit dem Roboter auch nicht wirklich trainieren und somit immer schwerer Anschluss finden.

Der Schluss, dass Sexroboter schlecht sind, weil sie Einsamkeit befördern können, greift jedoch zu kurz. Er blendet zum einen die positiven Möglichkeiten aus, die Sexroboter für Menschen je nach Situation bieten können und zum anderen verdecken wir hiermit, dass Menschen in unserer Gesellschaft aus ganz unterschiedlichen Gründen einsam sind.

Sicher können wir auch sinnvoll begründen, warum wir es nicht gut finden, dass sich einzelne Menschen mit Robotern wohler fühlen als mit anderen Menschen.

Aber welche Antwort geben wir diesen Menschen dann, abgesehen von der Aussage, dass menschlicher Kontakt für Einsame sicher besser sei – natürlich gepaart mit der Phrase, dass man (wer?) sich dann künftig mehr mit diesen Menschen befassen sollte. Als Antwort auf die fehlende Erfüllung sexueller Bedürfnisse würden wir dies aber wohl kaum formulieren – Sex ist ja kein Akt des Mitleids.

Gerade anhand der Sexroboter lässt sich veranschaulichen, dass viel Potenzial in neuen Technologien stecken kann. Gleichzeitig stellen sich dadurch alte und neue Fragen. Um nicht von der Entwicklung überholt zu werden, ist es so wichtig, dass über mögliche individuelle, gesellschaftliche, ethische und rechtliche Implikationen offen und frühzeitig diskutiert wird.

Sexroboter können sich auf unterschiedliche Art und Weise positiv für Menschen auswirken. Auch wenn sich einzelne Menschen mit einem Roboter wohler fühlen als mit anderen Menschen, muss dies nicht grundsätzlich problematisch sein. Es lohnt sich, hier jeweils individuell hinzuschauen, denn auch heute kennen wir schon Menschen, die einfach gern allein sind oder glücklich lediglich mit Haustieren zusammenleben.

Die Debatten, die wir am Beispiel von Sexrobotern führen, sind also keineswegs gänzlich neu. Auch Videospiele, soziale Medien, selbst das Lesen von Büchern können – je nach Situation – Menschen gut tun und Spaß bereiten, sie vereinsamen lassen oder gar kriminelles Verhalten motivieren.

Wie perfekt sollen/wollen wir sein - für andere?

Sexroboter geben uns auch Anlass, nochmals über die Problematik ungesunder bzw. unrealistischer Körpernormen und irreführender Vorstellungen über Sex zu diskutieren. Da Roboter ideale Menschen verkörpern können, werden unrealistische menschliche Körpernormen realer. Das kann so weit gehen, dass menschliche Körper unseren sexuellen Wünschen gar nicht mehr entsprechen können.

Doch auch diese Problematik entsteht nicht erst durch Roboter. Wir befeuern täglich wirklichkeitsfremde Ideale von Menschen durch Bildmanipulation oder auch Make-up. Durch diese unrealistischen Vorstellungen reicht dann beispielsweise beim Dating via App schon das erkennbare Gramm zu viel, zu wenig oder an der falschen Stelle aus, um den anderen als Sexualpartner doch als unpassend zu empfinden, was wiederum mehr Manipulation nach sich zieht. Der Kreis aus Technik, die unrealistische Normen bezüglich des menschlichen Körpers befördert, und dem Bedürfnis nach Zweisamkeit und Sex, das wir mit Unterstützung von Technik befriedigen wollen, ist geschlossen.

Wenn Roboter in Zukunft all unseren Idealvorstellungen entsprechen könnten, warum sollten wir dann noch mit einem anderen Menschen zusammenleben? Man stelle sich zum Abschluss vor, Sexroboter würden sich noch kombinieren lassen mit Robotern der Haushaltshilfe: Man hätte damit wohl den perfekten Mitbewohner/Lebenspartner... oder vielleicht doch nicht?

Bei der Frage, was passiert, wenn sich der Mensch mit der Maschine auf einmal wohler fühlt als mit der eigenen Spezies, sollten wir die Gelegenheit nutzen, noch über etwas anderes nachzudenken: Was zeichnet eigentlich einen Menschen und insbesondere menschliches Miteinander aus?

Und wenn wir das nicht mehr erkennen oder wertschätzen können - vielleicht laufen wir dann bei unserer Suche nach dem idealen, dem perfekten, dem über-menschlichen Partner wortwörtlich in die Arme der Maschinen.

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