Kommentar: Wieso das iPhone XR zum heimlichen Star werden kann

Jan Schaller |
Im neuen Produktportfolio sticht das iPhone XR aus: Das Gerät ist bunt wie zuletzt das iPhone 5C, dazu kommt es erst später auf den Markt.
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iPhone XR in Gelb

Apple

Vor fünf Jahren, im September 2013, brachte Apple zum ersten Mal Farbe ins iPhone-Lineup. Mit dem Debüt des iPhone 5C kamen auch fünf neue Farben hinzu, die man so noch nicht bei Apple gesehen hatte: grün, gelb, blau, rot und weiß. Wofür das ‚C‘ im Namen stand, wurde nie offiziell aufgelöst. Naheliegend ist natürlich ‚Color‘ für Farbe, Spötter sprachen schnell von ‚Cheap‘ — billig. Allerdings meinten sie damit nicht den Preis, sondern die Qualität. Das iPhone 5C kostete nur 100 € weniger als das 5S und war in der günstigsten Konfiguration mit 16 GB für 599 € zu haben. Angesichts heutiger Preise von teilweise weit jenseits der 1.000-Euro-Grenze ein Spitzenpreis. Damals wie heute aber nicht das, was sich die breite Masse unter einem günstigen iPhone vorstellte. Umso enttäuschender war das Gerät an sich. Von Apple selbst als ‚unapologetically plastic‘ gefeiert, stieß das Kunststoffgehäuse auf wenig Gegenliebe. Das iPhone 5C floppte und Apple traute sich nie wieder an poppige Farben (mit Ausnahme der Product-Red-Linie, die aber einen Wohltätigkeitshintergrund hat).

Bis gestern. Auf der Keynote "Gather round" hat Apple zum ersten Mal drei iPhone-Modelle auf einmal vorgestellt. Das iPhone XS (ausgesprochen Ten Es), das größere XS Max, sowie das iPhone XR, welches in sage und schreibe sechs Farben verfügbar sein wird. Zu Weiß, Schwarz, Blau, Gelb und Koralle (eine Art Orange), gesellt sich noch Product Red. Damit ist es auch das erste Mal, dass Apple direkt zum Start die Wohltätigkeitsvariante anbietet.

Nun stellt sich die Frage: Hat Apple nichts aus den Fehlern des 5C gelernt? Bekommen wir mit dem XR wieder ein Einstiegsgerät ohne Einstiegspreis? Nein. Apple hat eine Menge gelernt und mit dem XR ein richtig spannendes Produkt präsentiert.

Das XR sieht aus wie ein Premiummodell

Vergleicht man die neuen iPhone-Modelle, ist man schnell erstaunt, wie viele Features das XR bekommen hat und wie gering die Unterschiede zu den deutlich teureren XS-Modellen sind. Blickt man nur auf das Design vom XR, sieht man ein iPhone X in Farbe. Es hat die gleiche Kerbe am oberen Rand. Den gleichen Formfaktor. Die gleiche Glasrückseite. Kein Plastik oder andere minderwertige Werkstoffe. Es vermittelt also das gleiche Premium-Gefühl wie das iPhone X im letzten und die beiden XS-Modelle in diesem Jahr.

Und hier liegt der springende Punkt: Das 5S und 5C waren einfach voneinander zu unterscheiden, da ersteres mit einem Aluminum-Gehäuse kam und zweiteres aus Plastik war. Das ist hier nicht der Fall. Für den Durchschnittskäufer ist schlicht kein großer Unterschied auf den ersten Blick erkennbar. Wer kein Apple-Nerd ist, sondern einfach nur ein neues iPhone möchte, wird vor allem vom Aussehen und vom Preis geleitet. Menschen gehen in den Apple Store und fragen nach einem neuen iPhone. Sie sehen das iPhone XS und erschrecken bei Preisen von deutlich über 1.000 Euro. Dann schauen sie womöglich, was es noch so gibt und greifen zum XR. Und was fällt ihnen auf? Nichts! Es wird sich genauso hochwertig anfühlen, wie das XS, das sie wenige Momente vorher in der Hand hatten. Dafür startet es aber bereits bei 849 € in der 64GB-Variante und nicht erst bei exorbitanten 1.149 € wie das XS – vom XS Max gar nicht erst zu reden.

Diese Annäherung im Design schlägt sich auch im Innenleben nieder. Da, wo man letztes Jahr noch ein iPhone 8 oder 8 Plus mit Homebutton kaufen konnte, finden sich nun nur noch Modelle mit Face ID. Alle drei Modelle bekommen hier die selbe, weiterentwickelte Face-ID-Technologie, ermöglicht durch eine, wie Apple sie nennt, True-Depth-Kamera. Vorbei sind die Zeiten, in denen man nur einen veralteten Fingerabdruckscanner bekam, wie es beim iPhone SE der Fall war.  

Aber auch sonst ist das iPhone XR aus technischer Sicht absolut wettbewerbsfähig. Es hat den gleichen A12 Bionic Chip in der neuesten Generation, es startet auch bei 64 GB Speicher und – besonders wichtig – man kann es drahtlos aufladen. Qi-Charging ist ein echter Kaufgrund für viele, auch wenn es an sich kein großes Problem ist, ein Lightning-Kabel einzustecken. Es fühlt sich einfach cool an, sein iPhone nur auf eine Ladeplattform zu legen und sich nicht weiter darum kümmern zu müssen.

Gespart wird am Bildschirm und der Kamera – aber auch nur ein bisschen

Wo aber spart Apple dann und wie sehr fallen diese Einsparungen ins Gewicht?

Im Grunde hat Apple an zwei Stellen signifikant angesetzt: Bildschirm und Kamera. Gleichzeitig aber auch alles dafür getan, dass diese Einsparungen nicht zu negativ auffallen.

Beim XS und XS Max wurde wie im letzten Jahr ein OLED-Panel verbaut (in Apples Sprachgebrauch Super Retina HD), was durch besonders hohe Kontrastverhältnisse und echte Schwarztöne (im Sinne von wirklich ausgeschalteten Pixeln) auffällt. Es ist außerdem besonders stromsparend, da Pixel nur dann erleuchtet werden, wenn sie eine Farbe darstellen sollen. Das XR demgegenüber hat ein LCD-Panel bekommen, ähnlich wie das iPhone 8 und 8 Plus im letzten Jahr. Es hat eine nicht ganz so hohe Auflösung (326 ppi beim XR, im Vergleich zu 458 ppi beim XS), nicht so hohe Kontrastwerte und nicht ganz so ein tiefes Schwarz. Wer aber ein iPhone 8 oder 8 Plus besitzt, wird wissen, dass auch dieses Display schon verdammt gut aussieht. Die Blickwinkel sind stabil, die Farben gut kalibriert und die Auflösung hoch genug, sodass man keine Pixel mehr erkennt. Apple nimmt nun diesen Bildschirm und entwickelte ihn noch einmal weiter, sodass sie extra einen neuen Marketingnamen erfanden und die Bildschirmtechnologie künftig Liquid Retina HD nennen. Wir haben hier also einen Bildschirm, der zwar nicht ganz so gut ist, wie der des XS. ‚Nicht ganz so gut‘ heißt hier aber immer noch extrem gut. Und höchstwahrscheinlich auch besser als vieles, was die Konkurrenz zu bieten hat. Und selbst die True-Tone-Technologie ist an Bord, womit die Displayfarben entsprechend des Umgebungslichtes kalibriert werden.

Apple hat aber noch mehr Sparpotential beim Bildschirm ausgemacht. Das XR muss ohne 3D Touch auskommen. Dieses Feature bleibt dem XS und XS Max vorbehalten. Um die 3D-Touch-Funktionalität nicht gänzlich zu verlieren, soll man künftig den Finger ein wenig länger auf dem jeweiligen Icon lassen, um die Funktionalität zu nutzen, die vorher über 3D Touch aktiviert wurde. (Ob dieser Verzicht das Ende von 3D Touch einläutet, oder es lediglich als Premium-Feature platziert wird, ist abzuwarten. Da aber auch die iPads ohne auskommen müssen, scheint es nicht unwahrscheinlich, dass in Zukunft ganz darauf verzichtet wird.)

Der zweite große Unterschied ist die Kamera. Im Gegensatz zum XS hat das XR keine Doppellinse und damit auch kein Teleobjektiv. Das ist natürlich schade, da ein zweifacher optischer Zoom in vielen Situationen einen großen Unterschied macht und ganz neue Fotos ermöglicht. Andererseits kümmern sich viele Menschen auch nicht allzu sehr um Ausschnitte, Komposition und Belichtung und wollen einfach nur ein Foto machen. Zumal Apple auch hier wieder viel dafür tut, dass sich die günstigere Variante nicht billig anfühlt. Denn obwohl das XR nur ein Objektiv besitzt, bekommt es den gleichen Bokeh-Modus spendiert. Es wird also möglich sein, Tiefenunschärfe zu simulieren, die insbesondere Porträt-Aufnahmen sehr viel hochwertiger aussehen lassen. Auch ansonsten muss sich die Kamera des XR nicht verstecken. Die neue Tiefenkontrolle ist mit an Bord, was es ermöglicht, Tiefenunschärfe auch noch nach dem Fotografieren anzupassen und selbst der neu eingeführte Smart-HDR-Modus wird integriert. Damit sollen noch lebhaftere Bilder möglich sein, da mehrere Belichtungen des gleichen Motivs kombiniert werden und so ein Bild mit höherem Dynamikumfang entsteht. Dass sowohl das XS (und XS Max), als auch das XR ein Kameramodul mit 12 Megapixeln bekommen und sich damit auch beim Thema Auflösung nicht unterscheiden, ist unter diesen Voraussetzungen fast schon nicht mehr überraschend.

Neben diesen zwei großen Unterschieden fällt wenig auf. Wer genau sucht, findet Unterschiede beim Schutz vor Staub und Wasser: Das XR ist nur bis zu einer Wassertiefe von einem Metern für 30 Minuten geschützt und nicht bis zu zwei Meter wie das XS. Eine Tatsache, die wohl für niemanden wirklich kaufentscheidend ist.

Eine spannende neue Positionierung für das XR

Und so haben wir es hier mit einer extrem spannenden Positionierung des iPhone XR zu tun. Ich gebe zu, dass ich bei der gestrigen Keynote sehr skeptisch war. Leaks im Vorfeld legten ja bereits nahe, dass es drei neue Modelle geben würde und als dann direkt nach der Vorstellung der Apple Watch Series 4 das iPhone XS und XS Max kamen, fragte ich mich kurz, womit Apple denn den Rest der Zeit füllen will. Ich hatte erwartet, dass der Spannungsbogen wie üblich aufgebaut wird, also zunächst das günstigste iPhone und am Ende das größte und teuerste. Stattdessen bekam das XR den Premiumplatz ganz am Ende. Dieser Aufbau ist natürlich auch Apples Wunsch geschuldet, das XR auf keinen Fall als neues 5C zu platzieren. Aber es steckt auch mehr dahinter.

Interessanterweise bricht Apple nämlich auch mit der alten Regel, dass das günstigste Modell automatisch das kleinste ist und man für mehr Größe mehr bezahlen muss. Mit 6,1 Zoll Displaygröße hat das XR 0,3 Zoll mehr Bildschirmdiagonale als das XS. Zum Vergleich: Das iPhone 8 Plus hatte nur eine Displaydiagonale von 5,5 Zoll, das letztjährige iPhone X 5,8 Zoll. Apple bedient hier den Wunsch vieler Kunden nach großen Displays, der sich auch im Android-Lager zeigt. Mit Sicherheit eine kluge Entscheidung, eben weil Displaygröße oft auch mit höherer Wertigkeit gleichgesetzt wird.

Zuletzt ist auch die Speicherpolitik spannend. Apple tendiert dazu, eine Einstiegsspeichergröße anzubieten, die oft ein wenig zu gering ist, um für alle auszureichen. Gerade wer sehr viel fotografiert, wird mit den 64 GB Speicher der drei neuen Modelle an Grenzen stoßen. Typisch für Apple wäre es nun, die „Wohlfühlgröße“ 128 GB wegzulassen und als nächsten Schritt erst wieder 256 GB anzubieten – dann mit einem saftigen Preisaufschlag. Und genau das tun sie auch beim XS und XS Max. Das XR bekommt aber den 128-GB-Zwischenschritt. Bemerkenswert! Und sicherlich die Speichervariante, für die sich viele entscheiden werden.

Apple gelingt mit dem XR eine sehr spannende Positionierung. Ich war skeptisch, ob sie ein günstigeres (wenngleich auf keinen Fall günstiges) iPhone produzieren können, welches sich nicht billig anfühlt und in die 5C-Falle tappt. Nach der Keynote bin ich der festen Überzeugung, dass sie es können. Der einzige Wermutstropfen ist der verspätete Start. Das XR wird erst ab 19. Oktober vorbestellbar und eine Woche später erhältlich sein. Beim XS und XS Max startet der Vorverkauf bereits morgen. Dennoch: Das XR hat die Chance, zum heimlichen Star des diesjährigen Lineups zu werden. ( Vielleicht deswegen hat Apple den Verkaufsstart des iPhone XR so weit nach hinten verschoben, um nicht unnötig die Verkaufszahlen des iPhone XS und XS Max zu schwächen. Wenn das stimmt, sieht auch Apple in iPhone XR einen würdigen Konkurrenten für seine XS-Reihe. Anm. der Redaktion ).

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